Einleitung #
In unserem E-Commerce-Branchenreport bieten wir Ihnen eine Übersicht über die aktuelle Entwicklung, Trends und M&A-Aktivitäten in der Branche. Die E-Commerce-Branche in der Schweiz hat in den letzten Jahren eine beeindruckende Entwicklung durchlaufen und ist heute ein wesentlicher Bestandteil des Einzelhandels. Im Jahr 2025 wurde ein Umsatz von etwa CHF 15.8 Milliarden erzielt, was einem Wachstum von 6% im Vergleich zum Vorjahr entspricht. Diese positive Gesamtentwicklung verdeckt jedoch eine anhaltende Verschiebung: Während der Inlandskonsum mit einem Plus von 6% auf CHF 13 Milliarden solide wuchs, legten die Auslandseinkäufe mit 8% auf CHF 2,8 Milliarden erneut überproportional zu.1 Diese Entwicklung unterstreicht die zunehmende Bedeutung des Sektors, insbesondere in Bereichen wie Sport und Food, die weiterhin stabil wachsen, während der Modehandel zum ersten Mal seit 5 Jahren wieder ein Wachstum von 2.5% verzeichnet.1
1. Marktstruktur und Umsatzverteilung #
Die Marktstruktur ist stark fragmentiert und unterliegt einem sichtbaren Wandel. Der grösste Anteil am Gesamtumsatz entfällt mit 28% auf das Segment Elektronik, gefolgt von Mode mit 16% und Home & Living mit 15%. Der Lebensmitteleinzelhandel trägt 10% zum Gesamtumsatz bei, verzeichnete jedoch 2025 mit einem Rückgang von 3% eine überraschend negative Entwicklung.1 Diese Diversifizierung ermöglicht es der Branche, auf unterschiedliche Konsumbedürfnisse einzugehen, wobei sich die Ausgaben zunehmend von klassischen Sortimentshändlern hin zu grossen Plattformen und Nischenanbietern verschieben.2
Der Markt wird von lokalen Anbietern wie Digitec Galaxus und Brack dominiert. Digitec Galaxus steigerte den Plattformumsatz 2025 um 17% auf CHF 3.8 Milliarden und verzeichnete damit den zweitgrössten Wachstumsschub der Firmengeschichte.3 Gleichzeitig konkurrieren diese Anbieter nicht mehr nur mit westlichen Akteuren wie Zalando und Amazon, sondern verstärkt mit chinesischen Plattformen wie Temu und Shein, die aggressiv Marktanteile gewinnen. Die zunehmende Bedeutung des Cross-Channel-Handels, bei dem Unternehmen sowohl online als auch offline agieren, zeigt sich auch in Konsolidierungen wie der Integration von Microspot in Interdiscount. Investitionen in digitale Technologien und nachhaltige Geschäftsmodelle sind entscheidend, um die Marktposition zu stärken und den Wettbewerbsvorteil zu sichern.
2. Trends und Wachstumsraten #
In der Schweizer E-Commerce-Branche zeichnen sich aktuell drei wesentliche Trends ab, die das Kaufverhalten und die Geschäftsstrategien massgeblich beeinflussen. Unternehmen setzen zunehmend auf künstliche Intelligenz, um personalisierte Einkaufserlebnisse zu schaffen. Gleichzeitig wächst die Bedeutung des mobilen Handels, während das Thema Nachhaltigkeit immer stärker in den Fokus rückt:
Künstlicher Intelligenz (KI) und KI-gestützter Handel
Die Nutzung von KI zur Personalisierung und Automatisierung hat die Experimentierphase verlassen und gewinnt in der Schweizer E-Commerce-Branche massiv an Bedeutung. Unternehmen investieren vermehrt in Technologien, die eine Automatisierung von Content und Services ermöglichen; so nutzen bereits zwei Drittel der Schweizer Onlinehändler KI zur Erstellung von Produkttexten. Der Handelsverband.swiss identifiziert «AI-driven Commerce» mittels KI-Agenten als einen der prägenden Zukunftstrends, der in den nächsten Jahren vermehrt Relevanz bei der Produktsuche und dem Einkaufsprozess erlangen wird.1 Digitec Galaxus hat 2025 eine KI-Kaufberatung eingeführt und sieht darin einen wesentlichen Treiber für Conversion und Kundenbindung.3 Händler erkennen zunehmend, dass KI-gestützte Empfehlungen und Chatbots nicht nur Kosten senken, sondern auch die Conversion-Rate signifikant verbessern können.
Mobile Commerce und digitales Bezahlen
Der mobile Einkauf hat sich in der Schweiz weiter verstärkt. Mobile Bezahlsysteme haben mittlerweile Bargeld und Karten als führende Zahlungsmethode eingeholt: Laut dem Swiss Payment Monitor entfallen am stationären Point of Sale bereits 24,8% der Transaktionen auf mobile Geräte, praktisch gleichauf mit Debitkarten (27,1%) und Bargeld (26,5%).4 TWINT ist dabei die dominierende Lösung mit über 6 Millionen Nutzern und 901 Millionen Transaktionen im Jahr 2025 (+17% gegenüber dem Vorjahr). 86% der Schweizer Onlineshops bieten TWINT als Zahlungsmittel an.5 Unternehmen müssen sicherstellen, dass ihre Onlineshops für mobile Endgeräte optimiert sind, um den wachsenden Anforderungen der Kunden gerecht zu werden und gegenüber der «App-first»-Konkurrenz aus Asien wettbewerbsfähig zu bleiben.
Nachhaltigkeit und umweltfreundliches Einkaufen
Das Thema Nachhaltigkeit spielt im E-Commerce weiterhin eine entscheidende Rolle, steht jedoch im Konflikt mit dem preissensitiven Kaufverhalten. Schweizer Verbraucher legen zwar zunehmend Wert auf umweltfreundliche Produkte, doch der Boom von Ultra-Fast-Fashion-Plattformen zeigt eine Diskrepanz zwischen Einstellung und Verhalten. Unternehmen reagieren darauf, indem sie nachhaltige Verpackungen und umweltfreundliche Produkte in ihr Sortiment aufnehmen und Transparenz fördern. Ca. 70% der Konsumenten sehen den Umgang mit Retouren als kritisch an. Die steigende Nachfrage nach ethisch vertretbaren und ökologisch nachhaltigen Produkten unterstützt diesen Trend, zwingt Händler aber auch, Nachhaltigkeit glaubwürdig und ohne «Greenwashing» zu kommunizieren.6
3. Herausforderungen #
Die E-Commerce-Branche in der Schweiz steht vor verschiedenen Herausforderungen:
Wettbewerbsintensität und Marktkonzentration
Die E-Commerce-Landschaft in der Schweiz ist von einem starken Wettbewerb geprägt, der sich durch den Markteintritt asiatischer Plattformen nochmals verschärft hat. Allein Temu erzielte 2025 gemäss Schätzungen von Carpathia einen Schweizer Umsatz von CHF 1 Milliarde (+40% gegenüber dem Vorjahr) und dürfte damit erstmals in die Top 5 der grössten Onlineshops vorstossen.7 Zusammen mit Shein (CHF 250 Mio.) und AliExpress (CHF 390 Mio.) entzogen diese Plattformen dem Schweizer Markt bereits 2024 geschätzte CHF 1.34 Milliarden, primär im Mode- und Gadget-Bereich.8 Grosse lokale Akteure wie Digitec Galaxus können zwar mithalten, doch für kleinere und mittlere Unternehmen wird es immer schwieriger, sich zu behaupten. Diese Entwicklung führt zu einem verstärkten Preiswettbewerb und erhöht den Druck auf die Gewinnmargen signifikant, da Kunden zunehmend Preise global vergleichen. Politisch zeichnet sich allerdings eine Gegenbewegung ab: Der Ständerat hat im März 2026 einstimmig einen Vorstoss für strengere Kennzeichnungspflichten für ausländische Plattformen angenommen, die mittelfristig zu faireren Wettbewerbsbedingungen beitragen könnte.9
Logistik und Lieferkette
Die Erwartungen der Verbraucher an schnelle und kosteneffiziente Lieferungen sind gross und stellen eine Herausforderung für die Logistikbranche dar, die mit einer Flut an Kleinpaketen aus dem Ausland konfrontiert ist. Das Paketvolumen stieg 2025 um 10% auf 82.5 Millionen verschickte Einheiten.1 Auf regulatorischer Seite hat der Bundesrat die Wertfreigrenze für den privaten Einkaufstourismus per 2025 von CHF 300 auf CHF 150 gesenkt. Parallel dazu hat die EU beschlossen, die Zollfreigrenze für Pakete unter 150 Euro ab Juli 2026 abzuschaffen. Dies ist ein Schritt, der auch für den grenzüberschreitenden Handel in die Schweiz Signalwirkung haben dürfte.10 11 Die Erfüllung dieser Anforderungen erfordert signifikante Investitionen in Infrastruktur und Technologie. Unternehmen sind gefordert, in Sendungsverfolgung und fortschrittliche Logistiksoftware zu investieren, um den steigenden Anforderungen gerecht zu werden und trotz Fachkräftemangels effizient zu bleiben.
Kundenzentrierung und personalisierte Dienstleistungen
Eine wesentliche Herausforderung für E-Commerce-Unternehmen ist die zunehmende Erwartung der Verbraucher nach personalisierten Einkaufserlebnissen und individualisierten Dienstleistungen. Mit dem Aufkommen von KI-Technologien müssen Onlinehändler in der Lage sein, grosse Mengen an Kundendaten zu analysieren, um massgeschneiderte Angebote zu erstellen. Dies erfordert nicht nur Investitionen in innovative Technologien, sondern auch eine umfassende Strategie zur Datenverwaltung. Die Fähigkeit, personalisierte Kundenerlebnisse zu schaffen, wird für Unternehmen zum entscheidenden Faktor, um sich gegen die algorithmengesteuerten Plattformen zu differenzieren.
4. Faktoren für Attraktivität & Unternehmensbewertung #
Datenanalyse und Personalisierung
Schweizer E-Commerce-Unternehmen, die fortschrittliche Datenanalyse nutzen, um das Kundenverhalten zu analysieren und vorherzusagen, sind besonders attraktiv. Diese Fähigkeiten ermöglichen die Entwicklung gezielter Marketingstrategien sowie die Personalisierung des Einkaufserlebnisses in Echtzeit. Der Einsatz von künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen erlaubt die Erstellung personalisierter Produktempfehlungen, was essenziell ist, um die hohen Retourenquoten zu senken. Besonders im Modebereich, wo diese durchschnittlich bei rund 40% liegen, ist dies entscheidend.1 6 Digitec Galaxus etwa hat 2025 eine KI-gestützte Kaufberatung eingeführt und sieht darin einen wesentlichen Hebel für Kundenbindung und höhere Abschlussquoten.3 Die Fähigkeit, Kundenverhalten vorherzusagen und personalisierte Kampagnen zu schalten, verbessert Kundenbindung und -zufriedenheit erheblich.
Effizienz in der Lieferketten- und Lagerverwaltung
Ein entscheidender Aspekt ist die Optimierung und Automatisierung der Lieferketten- und Lagerverwaltung. Schweizer E-Commerce-Unternehmen, die auf Lagerautomatisierung, Sendungsverfolgung in Echtzeit und fortschrittliche Logistiksoftware setzen, können ihre operative Effizienz signifikant steigern und dem Fachkräftemangel in der Logistik entgegenwirken. Diese Technologien ermöglichen es Unternehmen, ihre Bestände präzise zu verwalten, Lieferzeiten zu verkürzen und die Kundenzufriedenheit zu erhöhen. Datengetriebene Ansätze zur Optimierung von Lager- und Lieferprozessen sind heute kein Luxus mehr, sondern eine Notwendigkeit zur Margensicherung.
Kundenservice und Nachkaufbetreuung
Ein weiterer wesentlicher Aspekt bei der Bewertung von Schweizer E-Commerce-Unternehmen ist die Qualität des Kundenservices und der Nachkaufbetreuung als Differenzierungsmerkmal. Unternehmen, die in herausragenden, oft KI-gestützten Kundenservice investieren und umfassende Betreuungsprogramme anbieten, können die Kundenzufriedenheit und -bindung signifikant erhöhen. Dazu gehören schnelle und effektive Lösungen für Kundenanfragen, einfache Rückgabeprozesse sowie proaktive Kommunikationsstrategien. Hochwertiger Kundenservice ist ein entscheidender Faktor für den Unternehmenserfolg und kann die Attraktivität für Investoren deutlich steigern, da er die Loyalität in einem preissensitiven Markt sichert.
5. Fazit #
Die E-Commerce-Branche in der Schweiz zeigt auch für die kommenden Jahre solide Wachstumspotenziale, getrieben durch den zunehmenden Einsatz von künstlicher Intelligenz, die Dominanz des mobilen Handels und den anhaltenden Strukturwandel hin zu grossen Plattformen. Trotz der Herausforderungen, die durch den verschärften internationalen Wettbewerb, insbesondere aus Asien, und steigende Erwartungen der Verbraucher entstehen, bietet der Sektor weiterhin attraktive Investitionsmöglichkeiten. Regulatorisch zeichnet sich dabei eine Gegenbewegung zugunsten inländischer Anbieter ab. Insbesondere Unternehmen, die auf Datenanalyse, personalisierte Einkaufserlebnisse und effiziente Lieferketten setzen, können sich erfolgreich im Markt behaupten und hohe Bewertungen erzielen. Die M&A-Aktivitäten in der Branche deuten auf eine fortgesetzte Konsolidierung hin, bei der Grössenvorteile und technologische Synergien im Vordergrund stehen. Insgesamt bleibt der Schweizer E-Commerce-Sektor eine Schlüsselbranche im Einzelhandel mit dynamischer Entwicklung.